
- Cover Piefel, Antisemitismus - V&R
Dass sich ausgerechnet das Königreich Sachsen im Kaiserreich zu einer Hochburg des parteipolitischen Antisemitismus entwickelte, ist aus zwei Gründen erstaunlich und erklärungsbedürftig. Zum einen hatte Sachsen kaum jüdische Einwohner (1885 0,24% der Bevölkerung). Zum anderen war es eine hochindustrialisierte und urban geprägte Region, während der Antisemitismus im Allgemeinen eher im ländlich- agrarischen Raum Wurzeln schlagen konnte.
Erfolgsbedingungen des Antisemitismus in Sachsen
Matthias Piefel hat vier Faktoren ausgemacht, die den zeitweiligen Erfolg der Antisemiten in Sachsen erklären können. Erstens entstand durch das Anwachsen der SPD und durch die Schwäche des aufgrund des Gründerkrachs diskreditierten Liberalismus ein politisches Vakuum, das die neuen Antisemitenparteien in den 1890er Jahren füllten. Sie konnten sich als Funktionspartei zur Verhinderung sozialdemokratischer Mehrheiten anbieten. Als die SPD stark genug wurde, ihre Kandidaten im ersten Wahlgang durchzubringen und auf Landesebene Wahlrechtsreformen das Kleinbürgertum benachteiligten, war allerdings der Niedergang des politischen Antisemitismus in Sachsen besiegelt. Zweitens zeigt Piefel, dass, trotz des geringen jüdischen Bevölkerungsanteils, nicht von einem „Antisemitismus ohne Juden“ gesprochen werden kann. Die Einwanderung von Ostjuden, die sich in den großen Städten des Landes erfolgreich in Handel und Bankwesen etablierten, nutzten die Antisemiten als Angriffspunkt für ihre von Rassismus und Sozialneid geprägten Kampagnen. Ein auch überregional bedeutender Vertreter dieser Agitation war Alexander Pinkert. Drittens waren Regierung und Königshaus bestrebt, durch diverse gesetzliche Maßnahmen (Verbot der Neubildung jüdischer Gemeinden, Schächtverbot) die Ansiedlung der Ostjuden zu erschweren. So wurden die von den Antisemiten geschürten judenfeindlichen Ressentiments von höchster Stelle bestätigt und zusätzlich angefacht. Viertens wirkten sich die Nationalitätenkämpfe in der Habsburgermonarchie auf das benachbarte Sachsen aus. Die ideologische Mischung aus Antisemitismus, Antikatholizismus und Antislawismus wurde von den österreichischen Deutschnationalen um Schönerer und Wolf erfolgreich von Böhmen nach Sachsen exportiert.
Hochburg der völkischen Bewegung
Diese faktenreich und zielsicher herausgearbeiteten Faktoren liefern der Antisemitismusforschung nicht viel Neues. Innovativer sind die Einblicke, die uns Piefel in die völkische Szene Sachsens um Personen wie Theodor Fritsch, Max Bewer und Heinrich Pudor gewährt. Sie zeigen, dass sich im Königreich Sachsen ein kulturelles Biotop für antisemitische Autoren etablierte, das vor allem in Form des Hammer- Verlags auch nach dem Niedergang der Antisemitenparteien weiter existierte. Das gilt ebenso für den Alldeutschen Verband, der in Sachsen über ein dichtes Organisationsnetz verfügte. Obwohl er sich zunächst nicht offen zum Antisemitismus bekannte, war er von Beginn an mit der völkisch- antisemitischen Szene eng verbunden. Die Agitation der völkischen Bewegung stützte sich vorrangig auf eine breit gefächerte Publizitik. Auch deshalb mag Sachsen, als Zentrum der deutschen Druck- und Verlagsindustrie, besonders attraktiv für rechtsextremistische Weltanschauungsproduzenten und ihre Zirkel gewesen sein.
Es wäre lohnenswert gewesen, wenn Piefel seine Arbeit stärker thesengeleitet aufgebaut hätte. So bleibt die Darstellung der Fakten etwas „zahnlos“, und dem Leser wird nicht deutlich, wo sie einen neuen Beitrag zur Forschung liefert oder dem bisherigen Forschungsstand widerspricht.
