Antisemitismus in der Karikatur

Deutsche und französische Printmedien im Vergleich 1871- 1914

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Rezension zu Regina Schleicher, Antisemitismus in der Karikatur. Zur Bildpublizistik in der französischen Dritten Republik und im deutschen Kaiserreich, Frankfurt 2009.

Die historische Antisemitismusforschung hat sich vorzugsweise antisemitischen Ideologien, Organisationsformen und Diskursen sowie ihren sozialgeschichtlichen Entstehungsbedingungen zugewandt. Erst im Zuge des „pictorial turn“ sind in den letzten Jahren Studien zur judenfeindlichen Bildpropaganda entstanden. Sie bewegen sich ohne Zweifel näher an der alltäglichen medialen Vermittlung und Tradierung antisemitischer Inhalte als die zahlreichen ideen- und diskursgeschichtlichen Forschungen zur „Höhenkammliteratur“ rassentheoretischer Weltanschauungsproduzenten von Gobineau bis Hitler.

Antisemitismus und wirtschaftliche Krisen

Regina Schleicher befasst sich in ihrer Dissertation mit antisemitischen Karikaturen auf der Grundlage eines deutsch- französischen Vergleichs. Zutreffend weist sie auf die enge Verbindung zwischen Krisenwahrnehmung und Antisemitismus hin. Eine rassistische Umformulierung der „sozialen Frage“ ermöglichte es seit den 1870er Jahren im deutschen Kaiserreich und seit den 1880er Jahren in der französischen Dritten Republik, ökonomische Verwerfungen den Juden anzulasten. In Karikaturen erschienen sie fortan als Herrscher über die Sphäre der Zirkulation, über Geld, Banken, Börse und Handel. In Form eines verkürzten Antikapitalismus hätten auch linke Medien diese Entwicklung mit vollzogen.

Antisemitismus und Religion

Darüber hinaus sei der sich kulturkämpferisch zuspitzende Konflikt zwischen säkularem Staat und katholischer Kirche von katholischer Seite antisemitisch aufgeladen worden. Zu Recht widerspricht Schleicher der These von der ungebrochenen Kontinuität des vormodernen Antijudaismus. Im Sinne einer „Erfindung von Tradition“ (Eric Hobsbawm) seien religiöse Elemente in den modernen Antisemitismus eingeflossen und dort säkularisiert worden. Seit den 1880er Jahren sei allerdings auch die umgekehrte Entwicklung zu beobachten, das heißt die Sakralisierung des Rassismus. Dies konstatiert Schleicher aber nur für Deutschland, nicht für Frankreich.

Antisemitismus und Nationalismus

Spezifisch französisch sei dagegen die Verknüpfung von Revanchismus und Antisemitismus gewesen, vor allem in der Agitation gegen den „Verräter“ Alfred Dreyfus. In diesem Zusammenhang sei es in rechtsradikalen Kreisen – wie im völkischen Nationalismus Deutschlands – zu einer ethnisch- rassischen Umformung des Nationsverständnisses gekommen, während in den 1870er Jahren trotz der Markierung rassischer Differenz eine bildliche Exklusion der Juden aus der Nationsgemeinschaft noch nicht vorgenommen wurde.

Die Verdienste von Schleichers Studie liegen im ländervergleichenden Ansatz und in der detaillierten Analyse der ausgewählten Quellen, darunter viele, die in der bisherigen Forschung kaum beachtet worden sind. Eher deplaziert wirken dagegen die einleitenden Ausführungen zu Theoriedebatten zwischen „Kritischer Theorie“, französischem Strukturalismus und Poststrukturalismus. Da diese philosophischen „Gipfelwanderungen“ nicht an die empirischen Forschungsergebnisse zurückgebunden werden, ist ihr Mehrwert für den Leser nicht erkennbar.

Auswahl und Kontextualisierung der Quellen

Während in Schleichers Studie die behandelten antisemitischen Karikaturen deutlich besser historisch kontextualisiert werden als zum Beispiel in den zahlreichen Arbeiten Michaela Haibls, hat die Autorin eine andere Schwäche kunst- und kulturgeschichtlicher Ansätze leider übernommen. Sie wählt einzelne Karikaturen aus einer Fülle von Zeitschriften, Bilderbogen und Zeitungsbeilagen aus, ohne die Kriterien der Auswahl transparent zu machen. Dieser eklektizistische Ansatz erlaubt es leider nicht, Judenbild und Antisemitismus in einem konkreten Printmedium über einen längeren Zeitraum zu verfolgen. Die Gesamtauswertung einer überschaubaren Anzahl von Periodika – wie dies zum Beispiel Julia Schäfer getan hat – hätte solider fundierte Ergebnisse für einen Vergleich zwischen Deutschland und Frankreich sowie zwischen „rechtem“ und „linkem“ Antisemitismus geliefert.

Judenstereotype = Antisemitismus?

Für Schleicher definiert sich eine antisemitische Karikatur über die Präsenz körperlicher und sozioökonomischer Judenstereotype. Diese Messlatte mag aus einer Nach- Holocaust- Perspektive überzeugen, für das 19. Jahrhundert ist sie jedoch zu niedrig angelegt. Die Definition der Juden über ihre vermeintlichen physischen und sozioökonomischen Eigenheiten war eine allgemein akzeptierte soziale Norm und findet sich auch in nicht- und anti- antisemitischen Kontexten, zum Beispiel in der zionistischen Satirezeitschrift Schlemiel (1903ff.). Erst die politisch- ideologische Botschaft einer Karikatur in der Kombination aus Bild und Text erlaubt es, verlässliche Aussagen über ihren antisemitischen Gehalt zu treffen.

Literatur

Gräfe, Thomas, Antisemitismus in Gesellschaft und Karikatur des Kaiserreichs. Glöß' Politische Bilderbogen 1892- 1901, Norderstedt 2005.

Haibl, Michaela, Zerrbild als Stereotyp. Visuelle Darstellung von Juden zwischen 1850 und 1900, Berlin 2000.

Schäfer, Julia, Verzeichnet. Über "Judenbilder" in der Karikatur als historische Quelle, in: Jahrbuch für Antisemitismusforschung 10 (2001), S. 138-155.

Schäfer, Julia, Vermessen - gezeichnet – verlacht. Judenbilder in populären Zeitschriften 1918- 1933, Frankfurt a.M. 2005.

Schleicher, Regina, Antisemitismus in der Karikatur. Zur Bildpublizistik in der französischen Dritten Republik und im deutschen Kaiserreich (1871- 1914), Frankfurt a.M. 2009.

Thomas Gräfe - Studium Geschichte, Englisch und Sozialwissenschaften in Bielefeld und Brighton (1997- 2003) Beruf im ...

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