
- Arthur de Gobineau (1816- 1882) - http://www.tocqueville.culture.fr/en/portraits/pop
Der Grundgehalt des Rassismus, d.h. Aussagen über Höher- und Minderwertigkeit von Menschengruppen, die als Abstammungs- und Fortpflanzungsgemeinschaften mit artgleichen physischen, psychischen und charakterlichen Merkmalen aufgefasst werden, ist an sich nicht spezifisch modern. Die theoretische Fundierung des Rassismus und seine Ausweitung zu einer umfassenden Weltanschauung mit (pseudo)wissenschaftlichem Anspruch lassen sich hingegen erst im Zeitalter von Aufklärung und Romantik beobachten. Als einer der bedeutendsten Vordenker des modernen Rassismus gilt der französische Schriftsteller und Diplomat Graf Arthur de Gobineau (1816- 1882). An ethnologischer Anschauung fehlte es Gobineau nicht. Seine diplomatische Karriere weist zahlreiche Stationen um den ganzen Globus auf, unter anderem die Schweiz, Deutschland, Persien, Griechenland, Neufundland, Brasilien und Schweden. Bei genauerer Betrachtung erkennt man jedoch, dass Kategorisierung und Bewertung ethnischer Differenz für Gobineau nur Mittel zum Zweck waren, um sich mit sozialen und politischen Entwicklungen seiner Zeit kritisch auseinanderzusetzen. Der Macht- und Prestigeverlust des Adels im Gefolge der Französischen Revolution, Urbanisierung, Industrialisierung und der Aufstieg des dritten und vierten Standes zu politischer Bedeutsamkeit bildeten den eigentlichen Hintergrund von Gobineaus Rassentheorie. Den Untergang einer vormodernen Welt mit vermeintlich klaren Hierarchien projizierte er in ein düsteres Szenario rassischer Degeneration.
„Über die Ungleichheit der Menschenrassen“
Von Gobineaus zahlreichen literarischen und politischen Schriften hat allein sein „Essai sur l’inégalité des races humaines“ eine breite Leserschaft gefunden. Das Werk erschien zwischen 1853 und 1855 in mehreren Bänden und lieferte erstmals eine umfassende Deutung der Weltgeschichte auf der Grundlage des Rassenprinzips. Als Zugeständnis an die katholische Tradition ging Gobineau zwar von einem gemeinsamen Ursprung aller Menschenrassen in der Schöpfung aus (Monogenese). Doch die Verbreitung über den Erdball und die Anpassung an unterschiedliche Lebensräume habe zu einer fundamentalen Ungleichheit der Rassen geführt. Zivilisatorische Fähigkeiten habe allein die weiße Rasse, insbesondere die „Arier“. Ihre Neigung zu Eroberung, Migration und Bevölkerungsvermehrung münde aber notgedrungen in zunehmende Mischung mit den kulturunfähigen schwarzen und gelben Rassen. Die vor allem in urbanen Zentren drohende Auszehrung des arischen Rassenkerns führe in einen Zustand der allgemeinen Kulturlosigkeit, des Materialismus und der demokratischen Nivellierung.
Rassen und Klassen
Gobineaus Rassenbegriff ist nicht rein anthropologisch und schon gar nicht biologisch fundiert. Maßgebend für sein Denken war vielmehr die Parallelsetzung von Klassen und Rassen: Der Adel enthalte die wertvollsten Rassenelemente, das Bürgertum sei eine Mischrasse und die Unterschichten bestünden aus rassisch Minderwertigen mit hohen schwarzen und gelben Bestandteilen. Auf diese Weise gewann Gobineau ein Erklärungsschema für zeitgenössische Revolutionen, Demokratisierungsprozesse und den Machtverlust traditioneller Eliten. Sie seien die unausweichlichen Folgen zunehmender Degeneration durch Rassenmischung.
Rezeption im 19. und 20. Jahrhundert
Gobineaus „Essai“ gilt gemeinhin als wichtiger „Urtext“ des modernen Rassismus. Es sollte allerdings beachtet werden, dass gerade die modernen Elemente rassistischen Gedankenguts in Gobineaus Werk noch fehlen und erst in seiner Rezeption im 19. und 20. Jahrhundert hinzutraten. Erstens war Gobineaus Denken noch geprägt vom Untergang des Ancien régime, für den er mit seiner Rassentheorie eine naturgeschichtliche Erklärung lieferte. Dieser politische Kontext war den zeitgenössischen Kritikern wie Alexis de Tocqueville (1805- 1859) und Prosper Mérimée (1803- 1877) noch bewusst. Die spätere Rezeption, insbesondere durch den Wagner- Kreis seit den 1880er Jahren, behandelte den „Essai“ jedoch wie eine vermeintlich objektive historisch- anthropologische Studie.
Antisemitismus
Zweitens war der Rassismus bei Gobineau noch nicht mit dem Antisemitismus verbunden. Auch diese Verbindung wurde erst durch die Gobineau- Rezeption im Umfeld Richard Wagners hergestellt. Ludwig Schemann (1852-1938) und seine 1894 gegründete Gobineau- Gesellschaft lasen in den „Essai“ einen Rassenkampf zwischen „Ariern“ und „Semiten“ hinein, obwohl Gobineau die Juden zur weißen Rasse gezählt hatte. Allerdings trägt er durch die Wahl des Begriffs „Semitisierung“ als Synonym für Rassenmischung eine Mitschuld an der späteren Interpretation.
Nationalismus und Imperialismus
Drittens hatte Gobineau in Nationalismus und Imperialismus Bestrebungen erkannt, die Rassenmischung und damit Degeneration befördern, weil sie territoriale Isolierung zugunsten größerer Einheiten aufheben. Insbesondere Houston Stewart Chamberlains (1855- 1927) Monumentalwerk „Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts“ (1899) trug zur Verdrängung dieses Zusammenhangs bei. Chamberlain übernahm von Gobineau die Deutung der Weltgeschichte mit Hilfe des Rassenprinzips, identifizierte aber das Schicksal der arischen Rasse mit der Weltmission des Deutschtums. Nationalismus und Imperialismus erscheinen nicht mehr als Ausgangspunkte von Degeneration, sondern als Erfordernisse rassischer Selbstbehauptung.
"Verwissenschaftlichung" des Rassismus
Viertens beruhte Gobineaus pessimistische Prognose einer unaufhaltsamen Degeneration durch Rassenmischung noch auf vordarwinistischen Annahmen. Die Übertragung der Darwinschen Selektionstheorie auf den Menschen führte um die Jahrhundertwende zur Entstehung von Rassenhygiene und Eugenik als wissenschaftliche Disziplinen, die sozialtechnologische und biopolitische Programme entwickelten, um unerwünschten Prozessen wie Kontraselektion, Degeneration und Rassenmischung entgegen zu wirken. Diese „Verwissenschaftlichung“ des Rassismus, wie sie in Deutschland z.B. von Wilhelm Schallmayer, Alfred Ploetz und Eugen Fischer betrieben wurde, war Gobineau noch unbekannt.
Literatur
Becker, Peter E., Wege ins Dritte Reich. Teil 2: Sozialdarwinismus, Rassismus, Antisemitismus und völkischer Gedanke, Stuttgart 1990, S. 2-64.
Biddiss, Michael, Father of Racist Ideology. The Social and Political Thought of Count Gobineau, London 1970.
Deschner, Günther, Gobineau und Deutschland. Der Einfluss von Gobineaus „Essai sur inégalité des races humaines“ auf die deutsche Geistesgeschichte 1853-1917, Erlangen 1968.
Eugène, Eric, Wagner et Gobineau. Existe-t-il un racisme wagnérien? Paris 1998.
Nagel- Birlinger, Dorothea, Schemann und Gobineau. Ein Beitrag zur Geschichte von Rassismus und Sozialdarwinismus, Freiburg 1979.
Young, Earl E., Gobineau und der Rassismus, Meisenheim am Glan 1968.
