Ewald Frie: Das Deutsche Kaiserreich 1871- 1918

Kontroversen der Kaiserreichforschung

Cover Frie, Das Deutsche Kaiserreich - WBG
Cover Frie, Das Deutsche Kaiserreich - WBG
Rezension zu Ewald Frie, Das Deutsche Kaiserreich, Darmstadt: WBG 2004. ISBN 3534147251.

Die unter deutschen Neuzeithistorikern umstrittenste Epoche ist nicht wie man vermuten könnte die Weimarer Republik oder das Dritte Reich, sondern das Deutsche Kaiserreich von 1870/71. Dafür lassen sich zwei Gründe anführen. Erstens wurde die Schwelle zur Moderne in den Jahrzehnten vor 1914 überschritten, nachzuvollziehen an Prozessen wie Nationalisierung, Industrialisierung, Säkularisierung, Fundamentalpolitisierung, Globalisierung. Daher musste der Zivilisationsbruch 1933-45 die Historiker zurück auf das Kaiserreich verweisen. Zweitens entzündeten sich viele Kontroversen nur vordergründig an Inhalten, sondern drehten sich im Kern um theoretische und methodische Fragen der Geschichtswissenschaft. Seit den 1960er Jahren wagte eine jüngere deutsche Historikergeneration den Aufbruch aus den langlebigen Traditionen des staatszentrierten Historismus. So gerieten die Kontroversen um das Kaiserreich leicht zu hitzigen Grundsatzdebatten über das Verhältnis von Außen- und Innenpolitik, Person und Struktur, oder Politik-, Sozial- und Kulturgeschichte.

Der Essener Historiker Ewald Frie stellt in seinem Buch acht Kontroversen exemplarisch vor: äußere Reichsgründung (1866, 1870/71), innere Reichsgründung, Bismarcks Kolonialpolitik (1884/85), Nichtverlängerung des Rückversicherungsvertrags mit Russland (1890), Wilhelm II., Fischer- Kontroverse (d.h. Auslösung des Ersten Weltkriegs und Kriegszielpolitik), sozialmoralische Milieus, Modernität des Wilhelminischen Reiches.

Kaiserreichforschung vor 1945

Zutreffend verortet Frie den Höhepunkt dieser Kontroversen zwischen den 1960er und 1980er Jahren. Er verweist aber auch auf ältere Wurzeln der eher politikgeschichtlichen Debatten um Reichsgründung, Kolonialpolitik und Rückversicherungsvertrag. Angesichts der nach 1919 komplett verwandelten innen- und außenpolitischen Lage kamen Zweifel auf, ob das von Bismarck geschaffene Reich sich als tragfähiges nationalstaatliches Gehäuse erwiesen habe. Der konservativen Historikerzunft gelang es jedoch, ihre Deutungshoheit in der Weimarer Republik gegen linke und liberale Außenseiter, im Dritten Reich gegen die Vertreter der NS- Volksgeschichte zu behaupten.

Kaiserreichforschung in der Bundesrepublik

Auch in der frühen Bundesrepublik dominierte zunächst ein eher positives Kaiserreichbild. Es wurde erst seit den 1960er Jahren von einem (häufig nicht weniger einseitigen) Negativbild abgelöst. Diese Trendwende ist mit den Namen Fritz Fischer und Hans- Ulrich Wehler verbunden. Fischer griff in einem provokanten Buch (Der Griff nach der Weltmacht, 1961) die Kriegsschuldfrage wieder auf. Die Reichsleitung habe sich am Vorabend des Ersten Weltkriegs in einer innen- und außenpolitischen Sackgasse befunden. Daher habe sie sich 1914 absichtsvoll in den Weltkrieg geflüchtet, um die Parlamentarisierung doch noch verhindern und die Weltmachtpläne doch noch verwirklichen zu können. Wehler (Das Deutsche Kaiserreich 1871- 1918, 1973) fragte nach langfristigen Ursachen für die Katastrophe von 1933 und fand sie im Kaiserreich. Das Ungleichgewicht zwischen der schnellen sozioökonomischen Modernisierung und der von vorindustriellen Eliten verhinderten politischen Modernisierung habe Deutschland auf einen von Westeuropa abweichenden Sonderweg geführt.

Mit der Erneuerung der Kaiserreichforschung auf der Grundlage eines sozialgeschichtlichen Ansatzes war nicht nur die Wende von der Affirmation zur Kritik verbunden, sondern auch eine Innovation der Forschungsmethoden. Man bemühte sich um Hypothesenbildung mit Hilfe theoretischer Modelle der Nachbarwissenschaften, insbesondere Soziologie und Politikwissenschaft. Die hieraus geformten Großthesen der 1970er Jahre erwiesen sich zwar als heuristisch fruchtbar, indem sie zu neuen Forschungen anregten. Sie selbst haben aber eben jener Forschung kaum standgehalten und sind modifiziert (z.B. „deutscher Sonderweg“) oder gar widerlegt (Bonapartismus, Feudalisierung des Bürgertums) worden. Daraufhin hat sich die Forschung immer stärker spezialisiert und seit den 1980er Jahren vorzugsweise kulturgeschichtlichen Fragestellungen zugewandt. Von nebulösen Andeutungen abgesehen verfolgt Frie leider nicht mehr, wie sich die Wende zur „neuen Kulturgeschichte“ auf die Kaiserreichforschung ausgewirkt hat. Stattdessen diagnostiziert er ein Ende der Kontroversen und einen Rückgang der Kaiserreichforschung. Wer den vor kurzem erschienenen monumentalen Sammelband von Oliver Müller und Cornelius Torp (Das Kaiserreich in der Kontroverse, 2009) zur Hand nimmt, kann diese Aussage nicht nachvollziehen.

Chronologische Ordnung?

Bedauerlicherweise hält sich Frie nicht an die chronologische Abfolgre der Debattenbeiträge, sondern springt häufig zwischen den Epochen. Beispielsweise betrachtet er zuerst die historiographischen Kontroversen zur Reichsgründung in der Nachkriegszeit, springt dann in die Diskussion vor 1945 zurück, um abschließend zu jüngeren Beiträgen seit den 1960er Jahren zurückzukehren. In anderen Kapiteln ist die Vorgehensweise ähnlich unsortiert. So wird dem Leser das Nachvollziehen der Kontroversenverläufe unnötig erschwert.

Unklarheiten und Einseitigkeiten

Die Kapitel zu den einzelnen Kontroversen sind von unterschiedlicher Qualität, - teilweise fundiert und differenziert, wie zu den sozialmoralischen Milieus, teilweise schwammig und einseitig. Die Thesen Hans Rosenbergs zur „Großen Depression“ und diejenigen Helmut Böhmes zur konservativen Wende von 1878/79 sind eher relativiert als widerlegt worden. In einigen Teildisziplinen sind sie nach wie vor enorm einflussreich und nachhaltig innovativ, so in der Nationalismus- und Antisemitismusforschung. Beklagenswert ist vor allem das schwache Kapitel zur Modernität des Wilhelminischen Reiches. (S. 108-117) Frie argumentiert hier einseitig gegen die „Bielefelder Schule“, ohne näher auf die von ihr zugrunde gelegte Modernisierungstheorie oder gar konkrete Forschungsergebnisse einzugehen. Auch die Gegenposition einer „Sozialgeschichte von unten“ bleibt mehr als schwammig. Und schließlich können Eley, Blackbourn und Evans nicht als pars pro toto für eine angloamerikanische Kaiserreichforschung gelten, die ähnlich heterogen ist wie die deutsche. Eine Konzentration auf die These vom „deutschen Sonderweg“ hätte besser in das Gesamtkonzept des Buches gepasst. Das einzig positive an diesem Kapitel ist, dass zum einzigen Mal im gesamten Buch die deutsche (genauer bundesrepublikanische, denn DDR- Historiker kommen nicht vor) Perspektive, durch eine Außenperspektive auf die deutsche Geschichte ergänzt wird.

Thomas Gräfe - Studium Geschichte, Englisch und Sozialwissenschaften in Bielefeld und Brighton (1997- 2003) Beruf im ...

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