Der Vatikan und das Dritte Reich

Kirchenpolitik zwischen Diplomatie und Dogma

Cover Wolf, Papst und Teufel - C.H. Beck
Cover Wolf, Papst und Teufel - C.H. Beck
Rezension zu Hubert Wolf, Papst und Teufel. Die Archive des Vatikan und das Dritte Reich, München: C.H. Beck (2. Aufl.) 2009. ISBN 978-3406577420.

Warum haben Papst Pius XII. und der Vatikan nicht ihr volles moralisches Gewicht gegen die nationalsozialistische Gewaltherrschaft in die Waagschale geworfen? Diese Frage hat spätestens seit Rolf Hochhuths „Stellvertreter“ (1963) eine breite Öffentlichkeit immer wieder kontrovers diskutiert. Auch der Kirchenhistoriker Hubert Wolf hat keine definitiven Antworten zu bieten. Sein Buch gestattet aber auf der Grundlage jüngst freigegebener Quellen wichtige Einblicke in die Denkwelt der damaligen vatikanischen Akteure und Institutionen.

Eugenio Pacelli und das Reichskonkordat

Der Buchtitel „Papst und Teufel“ und die Rede von der Kirche im Zeitalter der Totalitarismen sind etwas verwirrend, denn Wolf behandelt den vatikanischen Blick auf Deutschland in der Zeit zwischen 1917 und 1939, also die Weimarer Republik und das frühe NS- Regime. Da die Akten zum Pontifikat Pius XII. immer noch nicht frei gegeben sind, endet die Darstellung am Vorabend des Holocaust. Dennoch steht die Person des späteren Papstes im Mittelpunkt von Wolfs Buch. Eugenio Pacelli (1876- 1958), der als Nuntius in München und Berlin mit der politischen Landschaft Deutschlands bestens vertraut war, erweist sich auch vor seiner Wahl zum Papst als Schlüsselfigur was die Positionierung des Vatikans gegenüber dem Nationalsozialismus angeht.

Pacelli dachte und handelte ganz im Sinne der „katholischen Aktion“, d.h. einer ultramontanen Rekatholisierungspolitik. Die republikfreundliche Haltung des Zentrums empfand er als Ärgernis, weil sie zu viele Kompromisse mit kirchenfeindlichen Kräften (SPD, Liberale) abverlange. Daher hat die Forschung nicht ohne Grund vermutet, der Vatikan habe 1933 einen Kuhhandel mit den neuen Machthabern nach dem Motto Reichskonkordat gegen Preisgabe des politischen Katholizismus geschlossen. Wolf weist hingegen nach, dass die Quellen diese These nicht stützen. Die Zustimmung des Zentrums zum Ermächtigungsgesetz und die Aufhebung der Verurteilung des Nationalsozialismus durch die deutschen Bischöfe erfolgten eigenmächtig und nicht auf Druck aus Rom. Im Gegenteil, man ärgerte sich im Vatikan über die schnelle Einreihung der Katholiken in die „Volksgemeinschaft“, weil so ein Druckmittel fehlte und die Nazis das Konkordat nach Belieben brechen konnten.

Katholischer Antisemitismus

Die Hauptsorge des Vatikans galt den Katholiken, nicht den Protestanten und erst Recht nicht den Juden. Einer Verurteilung der nationalsozialistischen Judenverfolgung stand nicht zuletzt die eigene antisemitische Tradition im Wege. Wolf erhebt die Reform der Karfreitagsfürbitte zur Gretchenfrage der Positionierung der katholischen Kirche zum Judentum. Doch selbst wenn der Reformversuch von 1928 gelungen wäre, hätte das am Antisemitismus innerhalb des ultramontanen Katholizismus wenig geändert, weil dieser Antisemitismus eben nicht vorwiegend theologisch begründet war. Er hatte seinen Angelpunkt vielmehr in der Gleichsetzung von Judentum und entchristlichter Moderne und stand daher, trotz der Ablehnung von Rassentheorien, protestantischen, völkischen oder säkularen Positionen näher als dem alten religiösen Antijudaismus. Daher konnte die kirchenoffizielle Unterscheidung zwischen einem „guten“ und einem „schlechten“ Antisemitismus keinerlei immunisierende Wirkung entwickeln. Vielmehr hatte der Vatikan, wie David Kertzers Studie gezeigt hat, seit der Mitte des 19. Jahrhunderts die Verbreitung des modernen Antisemitismus aktiv gefördert. Dieses schwierige Erbe wird von Wolf leider zu wenig berücksichtigt.

Positionierung zur NS- Weltanschauung

Es wäre allerdings ein Fehler zu glauben, der Vatikan hätte die judenfeindlichen Maßnahmen des Dritten Reiches klammheimlich begrüßt. Der Nationalsozialismus wurde im Vatikan als weltanschauliche Konkurrenz wahrgenommen, deren totalitäre und rassistische Prämissen man nicht teilte. Seit 1933 wurden von jesuitischen Gelehrten Gutachten zu völkischem, nationalsozialistischem und faschistischem Schrifttum erarbeitet, die z.B. zur Indizierung der Werke Alfred Rosenbergs führten. Hitlers „Mein Kampf“ wurde dagegen nicht verboten, und auch die vorgeschlagene Exkommunikation des Führers kam nicht in Frage. 1936 begann die Erarbeitung eines Syllabus gegen moderne Totalitarismen, der neben dem Nationalsozialismus auch Faschismus, Nationalismus und Kommunismus verurteilen sollte. Nach dem Tod Pius XI. wanderte der Entwurf allerdings zu den Akten. Sein Nachfolger fürchtete die Konsequenzen eines entschlossenen und öffentlichkeitswirksamen Vorgehens.

Diplomatie oder Dogma?

Wolf hebt überzeugend hervor, dass man sich im Vatikan über die totalitäre Natur der NS- Weltanschauung und ihre Unvereinbarkeit mit dem Katholizismus stets im Klaren war. Doch habe unter Pacelli die Diplomatie stets die Priorität vor dem Dogma besessen. Man arrangierte sich lieber mit den Machthabern in Berlin und Rom, um die größtmögliche Autonomie der Kirche zu wahren und einen Kulturkampf zu verhindern. War also die Diplomatie Schuld und das Dogma unschuldig? Ein Blick auf die Tradition des katholischen Antisemitismus aus dem 19. Jahrhundert lässt daran Zweifel aufkommen. Eine deutliche Verurteilung der nationalsozialistischen Verfolgungspraxis hätte ein lieb gewonnenes Weltbild des Vatikans erschüttert, in dem die Juden für alle Übel der verhassten Moderne haftbar gemacht wurden.

Wolfs Studie ist sprachlich auf eine breitere Leserschaft als ein reines Fachpublikum zugeschnitten. Viel Platz wird der Vorstellung von Personen und Institutionen sowie ihrer Denk- und Arbeitsweisen eingeräumt, was Lesern hilft, die mit der Geschichte des Vatikans und der katholischen Kirche wenig vertraut sind. Zeittafel, Literaturhinweise und Personenregister machen das Buch besonders benutzerfreundlich.

Thomas Gräfe - Studium Geschichte, Englisch und Sozialwissenschaften in Bielefeld und Brighton (1997- 2003) Beruf im ...

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