
- Cover Geulen, Geschichte des Rassismus - Coverentwurf Uwe Göbel, München
Ein 120seitiges Bändchen über die Universalgeschichte des Rassismus braucht einen klaren interpretativen Leitfaden, wenn es dem Leser einen sinnvollen Überblick jenseits historischer Detailstudien bieten will. Wie die neuere Rassismusforschung insgesamt ist auch Christian Geulen bei den Theorien, Methoden und Begrifflichkeiten der postmodernen Soziologien Zygmunt Baumans und Michel Foucaults fündig geworden. Geulen versteht Rassismus als Reaktion auf Globalisierungsprozesse. Er sei die „Ideologie der theoretischen Begründung und praktischen Herstellung von Zugehörigkeit, wo diese unsicher oder unklar geworden ist.“ (S. 118) Diese an Bauman angelehnte Definition erweist sich als tauglicher Leitfaden für die Darstellung und Interpretation der historischen Details. In den letzten Kapiteln vollzieht der Autor jedoch eine unvermittelte Kehrtwende zu Foucaults Begriff der Biopolitik und gleitet dadurch in einen ubiquitären Rassismusbegriff ab.
Rassismus vor der Moderne
In der Vormoderne seien Vorstellungen vom Eigenen und Fremden um nicht biologisierbare Gegenbegriffe organisiert gewesen: Helenen/ Römer vs. Barbaren in der Antike, Christen vs. Nicht- Christen im Mittelalter. In der Frühen Neuzeit lassen sich dagegen erste Formen eines Protorassismus beobachten. Im Zusammenhang der Reconquista in Spanien wurden erstmals Rassengesetze erlassen, die sich gegen Juden und Moslems als Religionen und ethnische Gruppen richteten. Die koloniale Expansion der europäischen Mächte in Südamerika wurde von Rassengesetzten gegen Ureinwohner und importierte Sklaven begleitet, die vor allem einer Vermischung mit den Weißen vorbeugen sollten.
Rassismus in der Moderne
Die Aufklärung vertrat zwar einen universalistischen Menschheitsbegriff, allerdings nicht mehr im Sinne des Christentums. Der Mensch (im Kollektivsingular) galt nicht mehr als Abbild Gottes, sondern die Menschen ließen sich nun historisch- anthropologisch gruppieren. So konnten wissenschaftliche und pseudowissenschaftliche Theorien über die Differenz von Völkern und Rassen zur Begründung nationaler Identitäten entstehen. Von der Ungleichartigkeit zur Ungleichwertigkeit war es nur ein kleiner Schritt.
Im 19. Jahrhundert „feierte“ der moderne Rassismus, befördert durch Radikalnationalismus, Imperialismus und Kolonialismus, seinen Durchbruch. Theoretisch fundiert wurde er auf der einen Seite in einem anthropologischen Ansatz, z.B. bei Arthur de Gobineau und Houston Stewart Chamberlain, auf der anderen Seite in einem biologistischen Ansatz in den neuen Wissenschaften Rassenhygiene und Eugenik, z.B. bei Eugen Fischer und Fritz Lenz.
Die Kriege und Völkermorde des 20. Jahrhunderts interpretiert Geulen als biopolitische Projekte. Die zunehmende Verschränkung von Wissenschaft und Politik habe es erlaubt, Differenz nicht mehr nur zu deuten, sondern sie durch soziobiologische Maßnahmen zu eliminieren. Die Zentren der biopolitischen Steuerung von Gesellschaften sieht Geulen nicht nur in Deutschland, sondern auch in England, den USA und Skandinavien, unter anderen ideologischen Prämissen auch in der Sowjetunion. Aber erst der Nationalsozialismus habe jede ethische Hemmschwelle überschritten.
Rassismus in der Gegenwart
Geulen glaubt, dass der Rassismus nach dem Holocaust keineswegs verschwunden sei. Die Wende von der Eugenik zur Genetik und der Antirassismus seit den 1960er Jahren hätten nur ohnehin veraltete Rassentheorien und Reste bestehender Rassendiskriminierung (USA, Südafrika) geschleift. Das spezifisch moderne am Rassismus, d.h. der bereits zur Jahrhundertwende vollzogene Paradigmenwechsel zur Biopolitik, bestehe unabhängig von politischen Systemen fort. In der Gegenwart manifestiere sich Rassismus in allen Formen soziobiologischer Praxis – von der Pränataldiagnostik bis zur Einwanderungspolitik. Mit dieser definitorischen Ausweitung verleiht Geulen dem Rassismusbegriff einen ubiquitären Charakter, der es erlaubt, letztendlich jede Form von Gewalt, Diskriminierung, aber auch staatlicher Steuerung von Bevölkerungsgruppen als „rassistisch“ zu etikettieren. Damit wird der Rassismusbegriff zu einem beliebig verwendbaren politischen Schlagwort degradiert.
Fazit
Geulens Geschichte des Rassismus kann nur in den ersten sieben Kapiteln überzeugen. Der historisch- kritische Ansatz wird in den Abschnitten zur Zeitgeschichte ohne Not zugunsten eines schwammigen Rassismusbegriffs aufgegeben, unter den völlig disparate Phänomene subsumiert werden. Eine präzisere Bestimmung des Verhältnisses von Rassismus und Biopolitik wäre nötig gewesen, um Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen vormodernen und modernen Formen von Rassismus zu erarbeiten. Stattdessen ist bei Geulen alles, was irgendwie mit Foucaults nebulösem Begriff „Biopolitik“ belegt werden kann, automatisch auch rassistisch.
