
- Cover Henning, Der gründerzeitliche... - VDM Verlag
Im autobiographischen Teil von Mein Kampf behauptete Adolf Hitler, er sei in seinen Wiener Jahren zum Antisemiten geworden. Obwohl Historiker mittlerweile Zweifel an dieser Version angemeldet haben, war die Donaumetropole zum fraglichen Zeitpunkt als Wirkungsort von Persönlichkeiten wie Georg von Schönerer und Karl Lueger ohne Zweifel die europäische Hauptstadt des Antisemitismus. Klaus Hennings Buch befasst sich mit dem Wiener Antisemitismus in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts am Beispiel des Orientalisten Adolf Wahrmund (1827- 1913), der an Universität und Orientakademie lehrte. Wahrmund ist heute, auch von der Antisemitismusforschung, weitgehend vergessen. Doch sein Werk besaß seit den 1880er Jahren eine enorme Strahlkraft auf völkische Kreise in Deutschland und Österreich und trug erheblich zur rassentheoretischen Unterfütterung des modernen Antisemitismus bei. Wahrmunds Bücher waren keine Bestseller, wohl aber eine Hauptquelle der antisemitischen Schriften von Paul de Lagarde, Theodor Fritsch, Houston Stewart Chamberlain und Werner Sombart. Zudem ist er als ordentlicher Professor ein hervorragendes Beispiel für die pseudowissenschaftliche Einfärbung des Antisemitismus im späten 19. Jahrhundert.
Wissenschaftliche Defizite
Umso bedauerlicher ist es, dass sich Henning dieser viel versprechenden Themenstellung nicht gewachsen zeigt. Eine Einleitung mit Forschungsstand, Quellenlage und Fragestellung gibt es nicht. Da liest man etwas über die Frage, ob Wilhelm Busch Antisemit war und worum es bei der Goldhagen- Kontroverse ging, kein Wort hingegen über Wien zur Gründerzeit. Statt in die Geschichte des Antisemitismus im Österreich des 19. Jahrhunderts einzuführen, wird der erstaunte Leser mit unzusammenhängenden und thematisch irrelevanten Anekdoten abgespeist. Das Verwirrspiel des Autors führt den Leser von der Vertreibung der Juden aus Wien 1670, über die Unabhängigkeitserklärung der USA, die Erfindung der Dampfmaschine und der Fotografie, das Gottesgnadentum, zum Apostel Paulus, aber erneut nicht ins Wien des 19. Jahrhunderts. Ein Blick in das überschaubare Quellen- und Literaturverzeichnis (2 Seiten!) lässt schnell deutlich werden, dass hier nicht wissenschaftlich- systematisch gearbeitet, sondern ein buntes Sammelsurium inhaltlich wie zeitlich disparater Quellen und Sekundärliteratur benutzt wurde. Wissenschaft geht anders.
Adolf Wahrmund: Juden als „razzierende Nomaden“
Auch der Rest des Buches ist eine schwere Enttäuschung. Laut Klappentext soll es um den Orientalisten Adolf Wahrmund gehen, doch tatsächlich widmet Henning diesem ganze sieben Seiten (S. 25-32). Biografische Informationen über Wahrmund hat der Autor kaum recherchiert, und von seinem Gesamtwerk wird lediglich die populärste antisemitische Hetzschrift Das Gesetz des Nomadenthums und die heutige Judenherrschaft (1887) unter die Lupe genommen. Wahrmund nutzte sein Standing als Wissenschaftler geschickt zur Legitimierung eines weltanschaulichen Antisemitismus, indem er sich vorgeblich mit dem antiken Judentum befasste, aber seine verheerenden „Befunde“ stets umstandslos auf das zeitgenössische Judentum anwendete. Die Juden hätten sich nie über den Stand eines Nomadenvolks hinaus entwickelt. Daher lebten sie parasitär von der körperlichen und geistigen Arbeit anderer Völker, die sie sich „razzierend“ (d.h. durch Diebstahl) aneigneten.
Immerhin findet Henning Spuren der „Nomadenthese“ bei Theodor Fritsch und Adolf Hitler. Dennoch meint er die Rezeption des Werkes sei „durchschnittlich“ gewesen. (S. 25) Durchschnittlich ist aber wohl eher die Rechercheleistung des Autors. Es ist bezeichnend, dass dem Abschnitt über Wahrmund redundante Kapitel über Antisemitismus und „Judenfrage“ bei populären Politikern und Schriftstellern folgen, mit denen sich andere Forscher detaillierter und sachkundiger befasst haben. Auch die anschließenden Auslassungen zur Verbindung des Antisemitismus mit Rassenlehre und Nationalismus und zur Sozialgeschichte der österreichischen Juden erarbeiten keine neuen Erkenntnisse. Weil der Darstellung eine Leitfrage als roter Faden fehlt und der Autor ohnehin zu Abschweifungen neigt, liest sich das gesamte Buch leider wie ein unprofessionelles Flickwerk aus hier und dort aufgeschnappten Wissensbeständen.
Fazit
Wer auf die Lektüre von Hennings Buch verzichtet, hat an wissenschaftlichen Erkenntnissen nichts verpasst, dafür aber Zeit und Geld (Ladenpreis 49 €) gespart. Zum Wiener Antisemitismus im späten 19. Jahrhundert gibt es bessere und kompetentere Werke, so vor allem Brigitte Hamanns Hitlers Wien (1996), Robert Wistrichs Die Juden Wiens im Zeitalter Kaiser Franz Josephs (1999) und Michael Leys Abschied von Kakanien (2001). Eine Studie zu Leben und Werk Adolf Wahrmunds bleibt weiterhin ein Desiderat.
