Der Antisemitismus ist von der Geschichtswissenschaft, durchaus zutreffend, als eine moderne und säkulare Ideologie beschrieben worden. Dies hat jedoch lange den Blick darauf verstellt, dass auch im 19. und 20. Jahrhundert konfessionelle Milieus das Judenbild vieler Christen ganz entscheidend prägten. Erst seit wenigen Jahrzehnten hat die Antisemitismusforschung die Faktoren Religion und Konfession für sich entdeckt. Während sie sich zunächst überwiegend dem Protestantismus zugewandt hat, ist mittlerweile das Forschungsinteresse auf den deutschen Katholizismus umgeschwenkt. Das Ausmaß, in dem sich Katholiken für den modernen Antisemitismus anfällig zeigten, ist bis heute stark umstritten.
Katholische Immunität gegenüber dem modernen Antisemitismus?
Dem deutschen Katholizismus ist lange Zeit geradezu eine Immunität gegenüber dem modernen Antisemitismus attestiert worden. Die Minderheitensituation im kleindeutschen Nationalstaat und die Ultramontanisierung des katholischen Milieus (d.h. die Ausrichtung auf Rom), so die gängige Argumentation, hätten zu einer Distanz gegenüber modernen Ausgrenzungsideologien wie Nationalismus und Antisemitismus geführt. Der moderne Antisemitismus sei ein überwiegend protestantisches Projekt gewesen. Vertreter dieser These, wie Konrad Repgen, Rudolf Lill, Uwe Mazura und Wolfgang Altgeld, verweisen zumeist auf Erklärungen der Zentrumspartei und der deutschen Bischöfe sowie auf die Tatsache, dass Katholiken in antisemitischen Organisationen deutlich unterrepräsentiert waren. Es kann kaum verwundern, dass die Immunitätsthese von katholischen Institutionen (namentlich die Kommission für Zeitgeschichte) und Kirchenhistorikern entwickelt wurde. Dennoch lässt sie sich nicht einfach als Schutzbehauptung abqualifizieren, da sie von vielen protestantischen und jüdischen Historikern übernommen worden ist.
Zweifel an der Immunitätsthese sind bereits seit den 1970er Jahren (von Historikern aller Konfessionen) immer wieder artikuliert worden. Uriel Tal und Hermann Greive verwiesen auf das frühe Kaiserreich, wo Antisemitismus bedingt durch den Kulturkampf unter Katholiken zunächst sogar verbreiteter gewesen sei als unter Protestanten. Die Studien von Amine Haase zur katholische Presse, von Walter Zwi Bacharach zur Homiletik, von Stefan Lehr zum konfessionellen Schrifttum und vor allem von Michael Langer zur katholischen Volksbildung zeigen, dass Antisemitismus im katholischen Milieu auch über die Kulturkampfzeit hinaus Verbreitung gefunden hat. Dort sei er allerdings keine Mehrheitsmeinung gewesen. Genau dies behauptet dagegen Daniel Goldhagen. Er stützt sich dabei auf die lange kirchliche Tradition des Antijudaismus, die angeblich umstandslos in den modernen Antisemitismus gemündet sei. Goldhagens Argumentation lebt allerdings überwiegend von Analogieschlüssen und groben Verallgemeinerungen über „die Kirche“.
Antijudaismus oder Antisemitismus?
Die langlebige Tradition des christlichen Antijudaismus hat mittlerweile der Vatikan höchst selbst eingeräumt. Jedoch habe sich die katholische Kirche an Entstehung und Ausbreitung des modernen Antisemitismus nicht beteiligt und lediglich zu wenig gegen ihn protestiert. Diese kirchenoffizielle Lesart ignoriert die fließenden Übergänge zwischen Antijudaismus und Antisemitismus gerade im 19. Jahrhundert. Auch die katholische Judenfeindlichkeit durchlief einen Modernisierungsprozess. Unter milieutreuen Katholiken lassen sich nicht nur die alten religiösen Stereotypen und Feindbilder nachweisen, sondern, mit Ausnahme des Rassismus, auch die säkularen Stereotypen und Feindbilder des modernen Antisemitismus.
Normativer oder empirischer Katholizismusbegriff?
Gegen diese Erkenntnis sperren sich Teile der Katholizismusforschung, indem sie einen normativen Katholizismusbegriff vertreten. In apologetischer Absicht wird der moderne Antisemitismus aus dem Katholizismus durch die Behauptung heraus subtrahiert, wer sich gegenüber antisemitischem Gedankengut geöffnet habe, könne kein „guter Katholik“ gewesen sein. Eine kritische Aufarbeitung wird so bereits durch begriffliche Vorentscheidungen abgewehrt.
Antisemitismus und katholisches Milieu
Einen empirischen Katholizismusbegriff vertreten dagegen jene Studien, die sich dem katholischen Sozialmilieu gewidmet haben. So hat Olaf Blaschke festgestellt, dass milieutreue Katholiken sich im Kaiserreich und in der Weimarer Republik vom völkischen Partei- und Radauantisemitismus überwiegend fern hielten. Daraus lässt sich jedoch nicht folgern, dass sie sich jeglicher Judenfeindlichkeit enthalten hätten. Vielmehr habe sich im 19. Jahrhundert ein milieuinterner Antisemitismus herausgebildet, der auf der Unterscheidung zwischen einem „schlechten“ Rassenantisemitismus und einem „guten“ katholischen Antisemitismus fußte. Letzterer beruhte keineswegs überwiegend auf religiösen Vorbehalten gegenüber dem Judentum, sondern auf der Rolle der Juden innerhalb der modernen Gesellschaft. So erklärten katholische Geistliche, Politiker und Journalisten „die Juden“ immer wieder zu Profiteuren und Triebfedern einer entchristlichten Moderne sowie zu Hintermännern von Kapitalismus, Liberalismus, Sozialismus und Atheismus. Das Gegenmittel erkannte man in Abgrenzung zu den Völkischen nicht in Diskriminierung und Gewalt, sondern in der Rechristianisierung der Gesellschaft unter ultramontanen Vorzeichen. Der katholische Antisemitismus war durchaus „modern“ und keine Fortsetzung des Antijudaismus mit anderen Mitteln. Er habe, so Blaschke, vorrangig der Binnenintegration des katholischen Milieus gedient, indem er es auf Ultramontanismus und Antimodernismus verpflichtete. Während Blaschke hier die katholischen Eliten als „Milieumanager“ am Werk sieht, haben David Blackbourn, Helmut Walser Smith, Christoph Nonn und Nicola Wenge den Antisemitismus eher als Teil eines defensiven Milieuprotektionismus „von unten“ interpretiert.
Antisemitismus als Funktion des Ultramontanismus?
Es ist Blaschke zwar gelungen, die Glaubwürdigkeit der Immunitätsthese endgültig zu erschüttern, allerdings sind seine eigenen Thesen von zwei Seiten in die Kritik geraten. Erstens lässt ein Blick auf die Arbeiten von Kurt Nowak und Wolfgang Heinrichs schnell erkennen, dass Ideologie und Stereotypenmuster des angeblich spezifisch katholischen Antisemitismus auch bei konservativen Protestanten zu finden waren. Daher erscheint es sinnvoller, von einem christlich- konservativen Antisemitismus zu sprechen. Leider muss man aber konstatieren, dass interkonfessionell vergleichende Ansätze noch nicht vorgenommen worden sind.
Zweitens wurde bemängelt, dass Blaschke die Homogenität des katholischen Milieus und seine Abhängigkeit von der römischen Zentrale überschätze. Der Antisemitismus sei weder milieuimmanent, noch ein zwangläufiges Nebenprodukt des Ultramontanismus gewesen. Verweisen lässt sich etwa auf philosemitische Bestrebungen, die alles andere als antiultramontan waren, zum Beispiel von der Gebetsbruderschaft „Amici Israel“. Insgesamt müsse das Verhältnis von Katholiken und Juden, so Kirchenhistoriker wie Hubert Wolf und Claus Arnold, eher als ambivalent charakterisiert werden. Um eine endgültige Bewertung vornehmen zu kommen, bleiben aber noch zu viele offene Fragen in der Katholizismus- und Antisemitismusforschung. Vor allem mangelt es an einer zuverlässigen sozialgeschichtlichen Ausdifferenzierung der Haltungen von Katholiken gegenüber Judentum und Antisemitismus nach Klerus und Laien, Stadt und Land, Männer und Frauen, Hochburg und Diaspora. Erste Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass allzu generalisierende Aussagen über die Immunität oder Anfälligkeit des katholischen Sozialmilieus wenig tragfähig sind. Beispielsweise haben Christopher Dowe und Stephan Fuchs nachgewiesen, dass der Antisemitismus unter katholischen Studenten kaum verbreitet war, während die bayrische Regionalstudie von Hannes Ludyga Blaschkes Thesen nachdrücklich bestätigt.
Antisemitismus und katholische Renegaten
Seit dem späten 19. Jahrhundert nahm die Zahl jener Katholiken zu, die zwar ihrer Konfession treu blieben, sich aber nicht mehr dem Sozialmilieu und dem Ultramontanismus verpflichtet fühlten. Ihre Haltung in der „Judenfrage“ scheint weitaus prekärer gewesen zu sein, als diejenige der milieutreuen Katholiken. Beispielsweise sprach sich der liberale Altkatholizismus zunächst eindeutig gegen den Antisemitismus innerhalb des katholischen Milieus aus, geriet aber nach dem Ende des Ersten Weltkriegs ins Fahrwasser der Völkischen. Bereits im Kaiserreich scheint es nennenswerte Überschneidungen von Kulturkatholizismus und völkischer Bewegung gegeben zu haben. So erklärt sich auch, dass die frühe NSDAP ganz überwiegend eine Angelegenheit katholischer Kleinbürger im Münchener Raum gewesen ist, wie Derek Hastings zuletzt nachgewiesen hat. Erst mit ihrer Neugründung 1925 wechselte die Partei das konfessionelle Profil.
Forschungsperspektiven
Das größte Desiderat der Forschung sind vergleichende Ansätze auf drei Ebenen: Erstens der innerkatholische Vergleich, um Ausmaß und Verbreitung des Antisemitismus im katholischen Milieu wie auch bei den nicht milieugebundenen Katholiken in sozialgeschichtlicher Hinsicht verlässlich zu bestimmen. Zweitens der interkonfessionelle Vergleich, um festzustellen, ob sich die Haltungen von Katholiken und Protestanten in Sachen Judentum und Antisemitismus fundamental unterschieden oder ähnlich waren. Drittens der internationale Vergleich, um zu klären, ob die Einstellung deutscher Katholiken in der „Judenfrage“ der speziellen konfessionellen Situation Deutschlands angepasst war oder ob sie mit derjenigen überwiegend katholischer Länder übereinstimmte. Die Debatte um den katholischen Antisemitismus ist nie ein spezifisch deutsches Phänomen gewesen, sondern wird in vielen katholischen Ländern, vor allem Frankreich, Italien, Österreich, der Schweiz und Polen, unter ähnlichen Vorzeichen geführt.
Forschungsüberblick und Literaturangaben: Thomas Gräfe, Antisemitismus in Deutschland 1815- 1918. Rezensionen – Forschungsüberblick – Bibliographie, Norderstedt (2.Aufl.) 2010, S. 146-156.
