
- Cover Lepp, Protestantisch- liberaler Aufbruch - Chr. Kaiser
Lange Zeit hat die Geschichtswissenschaft das 19. Jahrhundert als „Zeitalter der Säkularisierung“ beschrieben. Versteht man Säkularisierung ausschließlich als Absetzbewegung von Religion und Kirche, so gerät die weitaus größere Gruppe jener Menschen aus dem Blickfeld, die Veränderungen in Theologie und Kirche bewirken wollten, ohne den Boden des Christentums zu verlassen.
Kulturprotestantismus
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war man insbesondere im Bildungsbürgertum zu der Überzeugung gelangt, die Kirche, insbesondere das orthodoxe Luthertum, habe mit den modernen Entwicklungen in Wissenschaft und Kultur nicht Schritt gehalten. Die Studie von Claudia Lepp widmet sich jenen Protestanten, die eine Versöhnung von Kirche und Moderne bewirken wollten. 1863 gründeten Geistliche und Laien den Deutschen Protestantenverein als Sprachrohr eines liberalen Protestantismus, der sich für Lehrfreiheit und die Demokratisierung der Kirchenverfassung einsetzte. Während man im liberalen Baden einige Erfolge erzielte, blieben Staat und Kirchenvolk in Preußen auf Distanz und sympathisierten eher mit den konservativen Gegenkräften.
So geriet der Protestantenverein nach dem Ende des Kulturkampfes in die Defensive. Seine Mitglieder wurden bei Anstellung und Beförderung benachteiligt oder von den Kirchenbehörden in „Lehrfälle“ verwickelt. Der Kulturprotestantismus war außerhalb der Kirche durch seine Nähe zu politischen Ideologien wie Nationalismus und Liberalismus deutlich einflussreicher als innerhalb. Ob er eine hinreichende Homogenität aufwies, um – wie Gangolf Hübinger behauptet – ein fünftes sozialmoralisches Milieu zu bilden, ist allerdings zweifelhaft.
Protestantische Theologie und Naturwissenschaften
Die Versuche, Theologie und Kirche der modernen Welt anzunähern, änderten nichts daran, dass die Kirche ihr Monopol in den Bereichen Weltdeutung und Sinnstiftung im 19. Jahrhundert einbüßte. Dafür wird zumeist der Aufstieg der modernen Naturwissenschaften verantwortlich gemacht, die eine materialistische Auffassung von Mensch und Natur den religiösen Deutungsangeboten entgegenstellte. Dieser Konflikt habe im Darwinismusstreit seinen Höhepunkt gefunden. Am Beispiel der Gesellschaft deutscher Naturforscher und Ärzte hat Tilman M. Schröder aufgezeigt, dass das Verhältnis zwischen Naturwissenschaften und protestantischer Theologie im 19. Jahrhundert keineswegs so angespannt war wie landläufig behauptet wird. Einerseits entstammten die meisten Naturwissenschaftler dem kulturprotestantischen Milieu, andererseits gab es von Seiten der Theologen eine hohe Akzeptanz für naturwissenschaftliches Denken, während ein Zurück zu einer mythischen Weltdeutung nicht zur Debatte stand.
Protestantische Theologie und Geisteswissenschaften
Auch wird häufig übersehen, dass es in den Geisteswissenschaften mindestens ebenso viele Herausforderungen für die Theologie gab wie in den Naturwissenschaften. Kein theologisch- wissenschaftlicher Diskurs erreichte im Kaiserreich eine breitere Öffentlichkeit und erregte stärker die Gemüter als der Babel- Bibel- Streit (1902-03). Das Verdienst von Reinhard G. Lehmann ist es, den Verlauf dieser Kontroverse detailgenau nachgezeichnet zu haben. Er korrigiert zu Recht die Bewertungen der bisher eher Anti- Delitzsch eingestellten theologie- und kirchengeschichtlichen Fachliteratur, ohne Delitzschs späteres Abgleiten in völkisch- antisemitische Tendenzen zu beschönigen.
Beim Babel- Bibel- Streit handelt es sich um drei Vorträge des Assyrologen Friedrich Delitzsch (1850- 1922) und die auf sie folgenden Debatten in Flugschriften, Zeitungen und Zeitschriften. Delitzsch vertrat die These, die jüdische Religion und das Alte Testament gingen auf babylonische Wurzeln zurück. Er berief sich auf archäologische und sprachwissenschaftliche Belege, deren Interpretation heute fragwürdig erscheint, allerdings dem damaligen Forschungsstand entsprach.
Für Fachwissenschaftler war die „Babylonienthese“ nichts Neues, sie wurde durch Delitzschs Vorträge aber erstmals zum Gegenstand einer breiten öffentlichen Debatte bis hinab an die Basis der Kirchen- und Synagogengemeinden. Zudem gab die Anwesenheit Kaiser Wilhelms II. zu Spekulationen über eine Kehrtwende des Kaiserhauses zugunsten der liberalen Theologie Anlass. Auf die Kritik konservativer Theologen und die kaiserliche Mahnung (Hollmann- Brief), seine Erkenntnisse nicht auf das Neue Testament anzuwenden, reagierte Delitzsch in den folgenden Vorträgen mit einer Radikalisierung seiner ohnehin schon provokanten These.
Nun behauptete er die sittliche Überlegenheit der babylonisch- assyrischen Kultur gegenüber der alttestamentarisch- israelitischen. Da das Alte Testament auf babylonische Wurzeln zurückgehe, enthalte es keine Offenbarung, die für das Christentum relevant sei. Bei Delitzsch, wie bei anderen liberalen Theologen und Wissenschaftlern, machte sich zur Jahrhundertwende die Tendenz bemerkbar, mit der Entwertung des gesetzesreligiösen Erbes aus Judentum und Altem Testament gegen Dogmengläubigkeit in allen Konfessionen zu Felde zu ziehen. Dies erschwerte, wie Christian Wiese gezeigt hat, die Anerkennung des Judentums als gleichberechtigte Religionsgemeinschaft, obwohl zwischen Kulturprotestantismus und liberalem Judentum durchaus eine kulturelle und soziale Nähe bestand.
Reformkatholizismus oder Modernismus?
Im deutschen Katholizismus machte sich eine Absetzbewegung von der kirchenoffiziellen Theologie erst später bemerkbar. Der Kulturkampf schweißte das katholische Milieu zusammen und verpflichtete es erfolgreich auf Ultramontanismus und Antimodernismus. Gegenströmungen wie der Altkatholizismus blieben eine Randerscheinung und waren leicht als romfeindlich marginalisierbar. Seit den 1890er Jahren lässt sich im katholischen Bildungsbürgertum allerdings eine Öffnung gegenüber der Moderne beobachten, die Dogmen und Hierarchien der Kirche in Frage stellte, ohne den Katholizismus hinter sich zu lassen. Als geistige Väter des deutschen Reformkatholizismus können die Theologen Hermann Schell und Franz Xaver Kraus gelten.
Michael Graf hat die bislang beste Biographie von Franz Xaver Kraus vorgelegt. Er arbeitet die häufig ignorierten Widersprüche in Kraus Person und Theologie auf. Der Freiburger Theologe war zwar antiultramontan, aber keineswegs "liberal" oder "modern". Jörg Haustein hat die zweite Generation des Reformkatholizismus in Form der Krausgesellschaft und ihrer Publizistik untersucht. Dem Vatikan waren die Absetzbewegungen vom Ultramontanismus in Deutschland nicht verborgen geblieben. Zur Disziplinierung seiner Geistlichen verlangte er 1910 das Ablegen eines Antimodernisteneides. Diese Maßnahme zwang die Reformkatholiken zu einem Drahtseilakt zwischen Widerstand und Loyalität. Leider ist Hausteins Studie eher mediengeschichtlich angelegt und vernachlässigt über personelle und organisatorische Fragen eine tiefer gehende Inhaltsanalyse.
Den Arbeiten von Graf und Haustein liegt die Frage zugrunde, ob man eher von Reformkatholizismus oder Modernismus sprechen sollte? Nur wenige progressive Katholiken verstanden sich explizit als „Modernisten“, zumal dieser Begriff von Seiten des Vatikans zur Stigmatisierung kirchenfeindlicher Bestrebungen eingesetzt wurde. Die meisten reformorientierten Katholiken wollten lieber einen Wandel bewirken, ohne sich demonstrativ gegen die Kirche zu stellen.
Literatur
Graf, Michael, Liberaler Katholik – Reformkatholik – Modernist? Franz Xaver Kraus (1840- 1901) zwischen Kulturkampf und Modernismuskrise, Münster 2003.
Haustein, Jörg, Liberal- katholische Publizistik im späten Kaiserreich, Göttingen 2001.
Hübinger, Gangolf, Kulturprotestantismus und Politik, Tübingen 1994.
Lehmann, Reinhard G., Friedrich Delitzsch und der Babel- Bibel- Streit, Freiburg 1994.
Lepp, Claudia, Protestantisch- liberaler Aufbruch in die Moderne. Der deutsche Protestantenverein in der Zeit der Reichsgründung und des Kulturkampfes, Gütersloh 1996.
Schröder, Tilman M., Naturwissenschaften und Protestantismus im Deutschen Kaiserreich, Stuttgart 2008.
Wiese, Christian, Wissenschaft des Judentums und protestantische Theologie im Wilhelminischen Deutschland, Tübingen 1999.
