Neue Ideengeschichte von Skinner und Pocock

Perspektiven und Kritik

Ein Blick auf Chancen und Grenzen der von Skinner und Pocock entwickelten Neuen Ideengeschichte.

Das größte Verdienst von Skinner und Pocock ist ohne Zweifel die Erweiterung der ideengeschichtlichen Hermeneutik um Elemente aus der Sprachwissenschaft. Damit ist es ihnen gelungen, die methodisch eher biedere Ideengeschichte ins Zeitalter des „linguistic turn“ zu führen, ohne die offenkundigen Schwächen postmoderner Ansätze (Derrida, Foucault, Barthes) unkritisch zu übernehmen. Das Interesse an intentionalem Handeln von historischen Akteuren über die Machtressource Sprache hat die „Cambridge School“ mit der Neuen Politikgeschichte gemeinsam, die für eine breitere Rezeption von Skinner und Pocock sorgen könnte.

Kritisch sollte allerdings beachtet werden, dass Skinner und Pocock in der Herleitung ihrer Methodik dazu neigen, in einen fragwürdigen Neohistorismus abzugleiten. Das wird an Skinners verzerrter Darstellung der Arbeitsweise von Politikwissenschaft und politischer Sozialgeschichte besonders deutlich. Die Nutzung theoretischer Modelle der Nachbarwissenschaften bedeutet keinen anachronistischen Umgang mit politischen Ideen der Vergangenheit. Vielmehr geht es darum, wissenschaftliches Vorverständnis und Erkenntnisinteresse des Forschenden methodisch kontrolliert als heuristische Mittel fruchtbar zu machen, da die Standortgebundenheit des Historikers ohnehin nur erlaubt, Fragen aus der Gegenwart an die Geschichte zu stellen. Obwohl Skinner diese methodische Vorgehensweise ablehnt, kommt er ohne sie in der Forschungspraxis nicht aus. Wie kann er sonst in einem seiner Hauptwerke die These vertreten, dass die politischen Theorien des 16. und 17. Jahrhunderts den Nukleus des modernen Staatsverständnisses im Sinne Max Webers bildeten? Diese Erkenntnis ist ohne Modell- und Theoriebildung (Modernisierungstheorie) gar nicht denkbar. In ihren Angriffen auf angebliche anachronistische und teleologische Interpretationen scheinen Skinner und Pocock dem positivistischen Missverständnis des Historismus anzuhängen, die „wahre“ Geschichte sei bereits in den Quellen angelegt und müsse vom Historiker nur mit der korrekten Hermeneutik rekonstruiert werden. Dieses Versprechen ist nicht einlösbar.

Die Rezeption von Skinner und Pocock hat sich ganz überwiegend in Studien zum Mittelalter und zur Frühen Neuzeit abgespielt, - eben jene Epochen, zu denen die beiden Historiker selbst geforscht haben. Eine Anwendung auf die Geschichte der Neuzeit und auf die Zeitgeschichte ist nicht ausgeschlossen, wirft aber neue methodische Probleme auf. Eine auch nur annähernd vollständige Rekonstruktion politischer Sprachen und diskursiver Kontexte ist angesichts des seit der Epoche der Aufklärung enorm angewachsenen Weltwissens und der Erfindung und Nutzung neuer Massenmedien kaum noch zu leisten. Des Weiteren dürfte die Betonung der fundamentalen Andersartigkeit vormodernen Denkens und Sprechens über Politik durch die „Cambridge School“ eine abschreckende Wirkung entfaltet haben. Der Fokus auf Alterität steht quer zu der Vorliebe der Geschichte der neueren und neuesten Zeit für genealogische Fragestellungen.

Literatur

Boucher, David (Hg.), Texts in Context. Revisionist Methods for Studying the History of Ideas, Dordrecht 1985.

Tully, James (Hg.), Meaning and Context. Quentin Skinner and his Critics, Cambridge 1988.

Hellmuth, Eckhart/ Ehrenstein, Christoph, Intellectual History Made in Britain: Die Cambridge School und ihre Kritiker, in: GG 27 (2001), S. 149-172.

Skinner, Quentin, Visions of Politics, Bd.1: Regarding Method, Cambridge 2002.

Palonen, Kari, Quentin Skinner. History, Politics, Rhetoric, Oxford 2003.

Hellmuth, Eckart/ Schmidt, Martin, John G.A. Pocock und Quentin Skinner, in: Lutz Raphael (Hg.), Klassiker der Geschichtswissenschaft, Bd.2, München 2006, S. 261-279.

Thomas Gräfe - Studium Geschichte, Englisch und Sozialwissenschaften in Bielefeld und Brighton (1997- 2003) Beruf im ...

rss
Hilfreich?