
- Cover Schmid, Kampf um das Deutschtum - Campus
Der deutsche Radikalnationalismus am Vorabend des Ersten Weltkriegs kann zwar mittlerweile als sehr gut erforscht gelten. Allerdings haben sich fast alle Studien entweder auf das Deutsche Reich oder die Habsburgermonarchie konzentriert und folgen hierin den politischen Ergebnissen der Kriege von 1866 und 1870/71. Dabei förderte die Präferenz des Radikalnationalismus für vorpolitische Nationsvorstellungen entlang der Kategorien Kultur, Sprache, Volk, Rasse im späten 19. Jahrhundert ein Nationsverständnis, das Staatsgrenzen bewusst ignorierte und die kleindeutsche Lösung bestenfalls als ein Provisorium akzeptierte. Julia Schmids Dissertation widmet sich auf der Basis eines transfergeschichtlichen Ansatzes nun erstmals ausführlich der organisatorischen, personellen und medialen Vernetzung des Radikalnationalismus beider Kaiserreiche. So gelingt ihr der Nachweis, dass sich seit den 1880er Jahren ein grenzüberschreitendes deutschnationales Milieu etablierte, das seinen Elan aus den Nationalitätenkonflikten der Habsburgermonarchie zog.
Der „Kampf um die Sprachengrenze“
Schmid folgt der These von Pieter Judson und Jeremy King, dass der Alltag in den gemischtsprachigen Gebieten Österreich- Ungarns ursprünglich weder der Logik nationaler Zugehörigkeit folgte, noch konfliktträchtig war. Der Kampf um die „Sprachengrenze“ sei von den nationalistischen Parteien, Vereinen und Verbänden selbst erzeugt und in die Provinz importiert worden. Dies untermauert die Autorin mit einer sozialgeschichtlichen Untersuchung der Mitgliedschaft nationalistischer Organisationen in Deutschland und Österreich. Sie hatten ihre Hochburgen im städtischen Bildungs- und Besitzbürgertum im sprachlich homogenen Hinterland. In die „Kampfzonen“ sei der Radikalnationalismus überhaupt erst durch zugewanderte Eliten gelangt.
Entstehung einer deutschnationalen Erfahrungsgemeinschaft
Viel Raum widmet Schmid der Konstruktion einer deutschnationalen Erfahrungsgemeinschaft durch Sprachpurismus, Feste, Feiern, Denkmalsetzungen, Wirtschaftsnationalismus, nationalen Tourismus, Germanenmythos. Sie sollte, so der Anspruch, die nationale Selbstbehauptung in sprachlich heterogenen Regionen wie Böhmen, Steiermark, Schlesien und Tirol befördern. Dort müsse sich das Deutschtum gegen seine Feinde, d.h. gegen die slawischen und „welschen“ Völker der Habsburgermonarchie, behaupten. Die in grellen Farben geschilderten Bedrohungsszenarien beförderten die Kooperation von reichsdeutschen und deutschösterreichischen Nationalisten, die über Presseberichterstattung, Spendensammlungen, Reisen und Zusammenkünfte untermauert wurde. Vor Ort erzielte der Radikalnationalismus aber nicht allein durch seine Agitation, sondern erst durch konfliktträchtige Ereignisse wie den Streit um das Gymnasium von Cilli (1894/95) oder um die Sprachenverordnung für Böhmen (1897) breiten Zulauf. Häufig mündete das gegenseitige Aufschaukeln der Ansprüche konkurrierender Nationalismen in offene politische Gewalt. Hier wäre zuweilen ein genauerer Blick auf die parallel entstandenen nationalistischen Bewegungen von Tschechen, Slowenen, Polen und Italienern nötig gewesen.
Träger des Radikalnationalismus
Als Träger des Radikalnationalismus macht Schmid in Deutschland den Alldeutschen Verband und den Deutschen Schulverein/ Verein für das Deutschtum im Ausland, in Österreich das deutschnationale Parteienspektrum und die Schutzvereine aus. Der Schwerpunkt der Darstellung liegt allerdings auf den Verhältnissen in Österreich, während der reichsdeutsche Radikalnationalismus nur insofern in den Blick gerät, wie er auf die Vorgänge in Österreich reagierte. Die Passagen zum Deutschen Reich beruhen zudem auf einer deutlich schmaleren Quellen- und Literaturbasis.
Verhältnis der Radikalnationalisten zum Staat
Wichtige Ergebnisse führt die Studie über das gespaltene Verhältnis der Radikalnationalisten zum Staat zu Tage. Die Selbstdefinition als „nationale Opposition“ und die Konstruktion einer deutschnationalen Erfahrungsgemeinschaft über Staatsgrenzen hinweg trugen bereits vor 1914 erheblich zur Reethnisierung von Nationsvorstellungen bei. Leider untersucht Schmid nicht, inwiefern diese Vorstellungen auch außerhalb des deutschnationalen Milieus Verbreitung fanden. Vor dem Ersten Weltkrieg schreckten die Radikalnationalisten beider Kaiserreiche vor der letzten Konsequenz ihrer Ideologie noch zurück. Die Auflösung der Habsburgermonarchie und den Anschluss Deutschösterreichs an das Reich forderte, mit Ausnahme der Gruppe um Georg von Schönerer, niemand. Bei den Deutschösterreichern ging es, bei aller Anbiederung an die nationalistische Symbolik der Reichsdeutschen, um die Besitzstandswahrung gegenüber dem Slawentum, nicht aber um die Zerschlagung des Vielvölkerstaates. Im Reich bestand aus außenpolitischen Gründen selbst bei den Alldeutschen kein Interesse an einer Destabilisierung des letzten deutschen Bündnispartners. Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs verband sich dann aber auch die Hoffnung, dass der Wunschtraum von einem ethnisch reinen deutschen Mitteleuropa im Rahmen eines Siegfriedens doch noch Realität werden könnte. Die Zäsur von 1918 tat dem wenig Abbruch. Im Gegenteil, mit Restösterreich und der Weimarer Republik gab es nun zwei geschrumpfte Staaten, deren Vereinigung quer durch alle politischen Lager Anhänger fand. Eine Weiterführung von Schmids transfergeschichtlichem Ansatz in die Zwischenkriegszeit sollte sich daher der Frage widmen, inwiefern diese Konstellation den politischen Konzepten der Radikalnationalisten über Milieugrenzen hinweg Aufwind verschaffte.
